Anna hollandt fliegt sich in vikersund selbst ein denkmal
Der nächste Paukenschlag im deutschen Skispringen: Nach Katharina Schmid verabschiedet sich mit Anna Hollandt am Wochenende eine weitere WM-Heldin. 168 Weltcup-Sprünge, zwei Gold-Medaillen, unzählige Flugstunden – und nun der letzte Satz im norwegischen Vikersund, wo die 29-Jährige am Samstag und Sonntag ihre Karriere mit dem Skifliegen beenden wird.
Ein finale, das kein abschiedsschmerz sein darf
„Ich freue mich richtig auf Vikersund“, sagt Hollandt, geborene Rupprecht, und klingt dabei nicht wie eine Athletin, die sich verabschiedet, sondern wie eine, die noch einmal Vollgas gibt. Für sie ist das Skifliegen kein epilogales Risiko, sondern die Krönung. „Als Frau ist das nicht selbstverständlich.“ Tatsächlich: Kaum eine deutsche Springerin verabschiedet sich mit Sekundenluft über 200 Meter, statt mit einem Zeltfest im Sommer.
Die Bilanz liest sich wie ein Lehrbuch der Konstanz: 2013 debütierte sie in Lillehammer, 2021 holte sie mit dem Mixed-Team Gold in Oberstdorf, zwei Jahre später folgte der Team-Triumph in Planica. Dazwischen: ausgeglichene Saisonen, gerade Sprünge, selten ein Aufreger. Hollandt war nie ein Social-Media-Blitz, aber ein Zuverlässigkeitsfaktor, der im Windschatten der großen Namen arbeitete – und genau das macht sie im Abschied so ungewöhnlich authentisch.

176 Meter sind ziel, nicht pflicht
Ihr Weitenrekord steht seit dem Training in Tauplitz bei 176 Metern. „Richtig cool wäre es, wenn ich den mindestens nochmal einstellen könnte“, sagt sie. Doch der Druck bleibt draußen vor der Anlage. „Wenn nicht, ist das auch okay.“ Statt Medaillen zählt sie Flugsekunden, statt Tränen gibt es Luftschlösser. Nach dem zweiten Durchgang am Sonntag wird sie die Skier an den Nagel hängen – oder besser: ins Autogrammkartendisplay der Nationalmannschaft legen.
Trainer Andreas Bauer verzichtet in Vikersund auf Katharina Althaus, dafür bekommt Pauline Heßler ihren ersten Skiflug-Einsatz. Die Personalie ist Programm: Althaus soll sich mental neu sortieren, Hollandt bekommt den letzten Platz im Kader, den sie sich nicht erbettelt, sondern erarbeitet hat. „Die Zeit mit den Mädels und dem Trainerteam werde ich noch einmal genießen“, sagt sie. Und mehr will sie nicht: kein Festkommitee, keine Dankesrede im Fernsehen. Nur ein Flug, der länger ist als alle Erinnerungen.
Danach wird die baden-württembergische Polizeimeisterin die Degenfelder Straßen wieder öfter zu Fuß als auf Skiern sehen. Keine Übungsschanzen mehr, keine Windkompensation, keine 4-Sterne-Hotels um halb drei morgens. Dafür aber: ein Leben, in dem Samstage nicht mehr durch den Kalender der Weltcup-Orte bestimmt sind. Hollandt fliegt sich ein letztes Mal selbst ein Denkmal – und niemand wird am Sonntag nach der Landung das Wort „Abschied“ in den Schnee schreiben müssen. Denn ihre 176 Meter stehen längst in der Chronik, und die braucht keinen Epilog.
