Andrea petkovic schlägt alarm: talente kennen keine tennis-stars mehr
„Ich musste die Mädels prügeln, damit sie mit mir Tennis gucken – Prügeln!“ Mit diesem Satz lässt Andrea Petkovic die Tennis-Welt kurz in den Kopf schütteln. Die einstige Top-Ten-Spielerin erlebte in Stuttgart, was sie für unmöglich hielt: Nachwuchskräfte, die keine Ahnung haben, wer gerade auf dem Court regiert.

Die episode, die petkovic nicht loslässt
Die wildcards vergeben, die Stars live vor Ort – und die Zukunft des deutschen Damen-Tennis schaut lieber aufs Handy. Petkovic und Barbara Rittner, früher Chefin vom Damenteam, stehen bei Turnieren als Mentoren neben den Nachwuchs-Damen. Erste Lektion: Naomi Osaka war die einzige Spielerin, die ein Gesicht bekam – wegen 2,4 Millionen Instagram-Followern, nicht wegen Ranglistenplatz oder Titel.
Rittner bestätigt den Befund. Sie fragt eine Nachwuchsspielerin: „Hast du gestern Coco Gauff gesehen?“ Antwort: „Von wem? Ach so nein, ich gucke kein Tennis.“ Für jemanden, der selbst Grand-Slam-Matches analysiert hat, ein Schlag ins Gesicht.
Die Konsequenz ist schnell formuliert: „Leg zwei, drei Stunden das Handy weg. Konzentrier dich auf das, was du gerade machst – Tennis. Beschäftige dich mit dem Drumherum“, fordert Rittner. Eine Appell, der bei den Akteuren offenbar kaum ankommt.
Boris Becker, Co-Host des Podcasts „Becker Petkovic“, lacht zwar über die Anekdote – doch hinter dem Lachen steckt ein Problem, das den Sport langfristig verändern kann. Wenn die nächste Generation ihre eigenen Vorbilder nicht kennt, fehlt das Fundament für historisches Bewusstsein, taktisches Lernen und emotionale Identifikation.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: laut ITF-Studie verbringen Nachwuchsspieler durchschnittlich 4,5 Stunden täglich auf sozialen Medien – aber nur 38 Minuten mit Match-Analysen. Daraus resultiert ein Wissensvakuum, das selbst erfahrene Trainer nur noch mit Mühe füllen können.
Petkovic sieht die Entwicklung mit Sorge: Früher schauten Spieler im Hotel gemeinsam Turnierübertragungen, diskutierten Aufschlagmuster und Returnpositionen. Heute wird Content konsumiert, der mit dem eigenen Sport kaum noch zu tun hat. Die Folge: Technik und Taktik bleiben auf dem Trainingsplatz stehen, weil das mentale Vorbild fehlt.
Für den deutschen Tennisverband ein Alarmstichwort. Schon jetzt wird intern diskutiert, ob Pflicht-Videoeinheiten eingeführt werden, in denen Nachwuchskräfte klassische Matches analysieren müssen. Ein Konzept, das bei Spielern auf Widerstand stößt – schließlich gelte Selbstbestimmtheit als modernes Ausbildungsprinzip.
Petkovic bleibt hart: „Wenn du keine Zeit hast, Tennis zu schauen, wirst du nie verstehen, warum manche Spieler Grand Slams gewinnen und andere nicht.“ Für sie steckt in der Desinteresse ein gefährlicher Selbstanspruch: Erfolg ohne Vorbereitung, Siege ohne Leidenschaft für das eigene Metier.
Am Ende bleibt eine Frage, die sich nicht weglachen lässt: Wer will in einem Sport Karriere machen, ohne sich für dessen Geschichte zu interessieren? Petkovics Antwort fällt knapp aus: „Dann musst du dir eben ein anderes Hobby suchen – aber bitte nicht auf dem Tennisplatz.“
