Kolumbien schaltet auf titel-modus: lorenzo spürt den druck
Gruppensieg ohne Nennenswerten Kratzer, Cristiano Ronaldo neutralisiert, Stimmung wie 1993: Kolumbien hat nach dem 0:0 gegen Portugal nicht nur Gruppe K gehörig durchgerüttelt, sondern auch die eigene Erwartungshaltung neu justiert.
Die stunde des néstor lorenzo
„Als man mich engagiert hat, ging es ausschließlich ums Überstehen der Quali“, sagt der Trainer mit jenem leisen Grinsen, das man auswärtige Journalisten schon aus Medellín kennen. „Jetzt wollen sie, dass wir den Pokal mitnehmen.“ Es klingt wie ein Witz, ist es aber nicht. Drei Spiele, sieben Punkte, null Niederlagen – die Zahlen sprechen eine klare Sprache.
Das Problem: Zahlen erzählen keine Geschichten über 180 Millionen kolumbianische Herzen. Diese Herzen schlagen seit Mittwochabend im Dreivierteltakt, weil Luis Díaz endlich wieder lacht, weil die Defensive wie ein Safe wirkt und weil der Mann an der Seitenlinie seit Monaten jeden Akteur beim Vornamen ruft. Kumpanei als Erfolgsrezept.

Von katar-flop zu top-favorit
Vor vier Jahren verpasste die Truppe die WM in Katar. Die Qualifikation war ein Trauerspiel voller Fehlpässe und noch mehr Kopfschütteln. Jetzt steht dieselbe Generation auf dem Rasen und spielt Fußball, der an 2014 erinnert, nur ohne die Ego-Show rund damals. Die mediale Achterbahnfahrt von „vergiss die WM“ bis „hol den Pokal“ hat gerade mal 1.460 Tage gedauert.
Die Euphorie ist kein Hype, sie ist messbar. Sozialmediakanäle der Nationalmannschaft verzeichnen seit dem Schlusspfiff in Charlotte täglich plus 312 % Engagement. Das mag klingen wie Marketing-Gerede, zeigt aber: Die Leute glauben wieder. Und Glaube, das weiß jeder Trainer, lässt Spieler zwei Kilometer tiefer rennen.

Ghana wartet – und ist kein warm-up
Nächster Stopp: Kansas City, Samstagnacht. Gegner Ghana, Gruppendritter, athletisch bis zum Anschlag. „Die werden uns keine Sekunde schenken“, warnt Lorenzo und wischt sich dabei demonstrativ die Schweißperlen von der Stirn, die trotz Klimaanlage im Presseraum kleben geblieben sind. Es ist dieselbe Stirn, die in den letzten Wochen jede Trainingsanalyse bis Mitternacht durchdekliniert hat.
Seine Spieler haben inzwischen gelernt, dass „Identität bewahren“ mehr bedeutet als drei hübsche Pässe. Es bedeutet: Pressing in Minute 89 trotz 0:0, Laufwege vorbeten wie Vokabeln und jeden Konter von hinten mitspielen, weil hinten eben vorne beginnt. Klingt simpel, ist es aber nur, wenn jeder mitdenkt.
Die Fans jedenfalls haben schon jetzt den nächsten Schritt im Kopf: Viertelfinale. Die Logik dahinter: Wenn wir Portugal neutralisieren, warum dann nicht Brasilien oder Frankreich? Die Antwort darauf lautet: Weil Ghana in der Lage ist, ein 0:0 in eine 0:1-Niederlage umzumünzen, wenn man sie lässt.
Lorenzo hat seinen Jungs deshalb eine klare Botschaft mitgegeben: „Die Pokale stehen hinten im Museum, nicht im Kopf.“ Es klingt nach Motivationssprech, ist aber einfache Arithmetik. Wer träumt, verliert Sekunden. Wer läuft, gewinnt Spiele.
Am Samstag in Kansas City wird sich zeigen, ob Kolumbien bereit ist, vom schönen Außenseiter zum gierigen Anwärter zu wechseln. Die Arena wird brennen, die Temperaturen auch. Und irgendwo zwischen 22 Uhr Ortszeit und Mitternacht könnte Los Cafeteros den nächsten Schritt Richtung Endspiel machen. Oder eben nicht. Fußball bleibt ein Spiel, bei dem alles drin ist – selbst ein Albtraum.
