Allegri stellt sich gegen scudetto-wahnsinn: „realismus statt strategie“

Mailand – Nach dem 0:2 im Olympico läuft beim AC Milan kaltes Wasser durch die Navigli. Die Luft im Mediaset-Studio wird dicker, die Hashtags #AllegriOut kreisen, und am anderen Ende der Leitung sitzt Giovanni Branchini, der Berater des Trainers, im Radio1-Studio von „Radio anch’io Sport“. Er zieht eine klare Linie zwischen PR-Show und Realität.

„Nie das wort scudetto in den mund genommen“

Branchini spricht schneller als sein Gegenüber nachfragen kann. „Max hat nie behauptet, Meister zu werden. Er sagte: ‚Schaut nach hinten, die Champions-League-Quali ist das Ziel.‘ Wer das für Taktik hielt, lag falsch – das war schiere Ehrlichkeit.“ Die Worte klingen wie ein Seitenhieb auf jene Fans, die nach dem Derby-Sieg schon rote Schleifen um die Mailänder Laternen knüpfen wollten.

Die Zahlen liefern ihm Recht. Seit der Winterpause kassierte Milan sieben Gegentore nach Standards, gewann nur zwei von acht Auswärtsspielen. Die Tabelle lügt nicht: Fünf Punkte Rückstand auf Inter, dazu ein Torverhältnis, das sich seit Januar stetig verschlechtert. „Wer hier Scudetto ruft, muss mit Mathematik liebäugeln, nicht mit Emotionen“, sagt Branchini trocken.

Leao zwischen anspruch und abstellgleis

Leao zwischen anspruch und abstellgleis

Dann wechselt der FIFA-Agent die Ebene. Rafael Leao – 38 Millionen Euro Ablöse, 24 Ligatore in zwei Saisons, aber nur zwei Treffer nach der Winterpause. „Er ist ein Asset des Klubs, keine reine Sportwaffe“, erklärt Branchini. „Da spielen Budgets, Bilanzen, mögliche Verkäufe mit hinein. Das ist keine Ausrede, aber die interne Mechanik ist komplexer als ein 4-3-3.“

Kurz vor Schluss zieht er eine persönliche Bilanz. „Allegri hat Leao nach der Auswechslung vor der Kamera beschützt, obwohl dessen Body-Sprache ‚Ich will hier weg‘ schrie. Das ist Führung, nicht Frust.“

Am Ende bleibt ein Satz hängen, der mehr sagt als alle Taktikbretter. „Milan ist kein Spielplatz mehr, sondern ein Aktiengesellschafts-Raum. Wer das nicht kapiert, versteckt sich hinter Kurvenfahnen.“ Die Leitung wird still – und im Hintergrund summt schon der nächste Anruf. Die Saison ist lange, aber die Wahrheit klingt selten so knapp.