Aicher verpasst sieg um einen zentimeter – vonn jetzt in reichweite

0,28 Zentimeter. Mehr nicht. Emma Aicher presste die Zähne aufeinander, als sie die Zahl auf dem gelben Display sah. Eine Papierdicke hatte die 22-Jährige zum ersten Weltcup-Sieg ihrer Karriere gefehlt – und zur vorzeitigen Entscheidung im Kampf um die kleine Kristallkugel.

Die Szenerie in Val di Fassa glich einem Krimi. Laura Pirovano, bislang eher Teilnehmerin als Protagonistin, rutschte auf dem Stuhl der Führenden herunter und schlug die Handschuhe vors Gesicht. Hinter ihr, nur einen Hauch dahinter, taumelte Aicher aus dem Ziel. „Ahhh“, entrang es sich ihrer Kehle. Der Laut klang nach Unglauben, nicht nach Frust.

Pirovano erlebt den moment ihres lebens

Für die Italienerin war es der erste Weltcup-Triumph. 1.434 Tage startet sie, 1.434 Tage wartete sie. Jetzt, auf der Saslong-Variante, riss sie endlich den Bann – und das vor eigenem Publikum. „Ich habe geträumt, dass dieser Tag kommt“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Aber dass er so perfekt wird, hätte ich nie gewagt zu hoffen.“

Die Zahlen lügen nicht: Pirovano lag nach 1.274 Metern noch 0,07 Sekunden zurück, holte alles im steilen Eis der Ciaslat-Schleife und rauschte mit 96,4 km/h über das Ziel. Aicher, normalerweise die Queen der Geraden, verlor dort die entscheidenden Mikrosekunden. „Ich habe es oben gut erwischt“, analysierte sie trocken. „Unten war die Linie nicht optimal.“

Kampf um die kugel wird zur achterbahn

Kampf um die kugel wird zur achterbahn

Die vermeintliche Nebensache – die Disziplinenwertung – rückt in den Fokus. Aicher holte ihren achten Podestplatz dieser Saison und verkürzte den Rückstand auf die verletzte Lindsey Vonn auf nur noch 14 Punkte. Kira Weidle-Winkelmann folgt mit 94 Zählern Rückstand auf Rang vier. Noch zwei Abfahrten, dann entscheidet sich alles.

Die Deutsche bleibt trotz Platz vier gelassen. „Im zweiten Sektor habe ich zu viel Risko genommen und bin rausgeschossen“, gab sie zu. „Aber 0,03 Sekunden aufs Podium – das ist Sport auf höchstem Niveau.“

Im Gesamtweltcup zieht Aicher ebenfalls davon. Rang zwei, 139 Punkte hinter Mikaela Shiffrin. Kein Mensch spricht mehr vom Riesenslalom in Are. Alle reden vom Finish in Kvitfjell. Dort, am 21. März, wird in jeder Disziplin einmal gestartet. Aichers Chance: Noch acht Rennen, noch 800 Punkte zu verteilen.

Die Saison neigt sich dem Ende zu, die Spannung steigt. Val di Fassa liefert am Samstag die zweite Abfahrt. Dann geht’s nach Schweden, wo Aicher vor heimischem Publikum angreifen will. „Ich fahre, um zu gewinnen“, sagt sie. „Die 0,01 Sekunden vergesse ich nie.“

Die Kugel ist greifbar nah. Und Aicher hat jetzt den Schwung.