Aicher schraubt sich weiter nach oben – goggia spürt den atem im nacken
Emma Aicher tritt nicht mehr auf, sie fliegt. Mit dem zweiten Podest in 24 Stunden in Soldeu hat die 22-Jährige dem alten Regime ein Ultimatum gesetzt: Umbau oder Absturz. Denn wer Sofia Goggia dazu bringt, sich wie ein Boxer zu feiern, der hat die Machtbalance verschoben.
Die zahl, die die weltcup-wachtel erschreckt: nur 0,13 sekunden trennen aicher von goggia
Am Samstag gewann Aicher, am Sonntag wurde sie zweite – und beide Male lagen zwischen ihr und der Siegerin weniger als zwei Zehntel. Das ist kein Zufall, das ist ein Trend. Die Baden-Württembergerin hat in diesem Winter acht der letzten zehn Super-Gs unter die ersten Vier gefahren. Wer so konstant ist, der schielt nicht mehr, der schießt.
Charly Pichler, ihr österreichischer Coach, ließ das Material unangetastet. „Warum ändern, wenn die Ski schon singen?“, sagt er und klingt dabei wie ein Mann, der weiß, dass seine Pilotin bald den Kurs übernimmt. Die Piste wurde weicher, die Kanten griffen tiefer, und Aicher riss trotzdem keine Linie auf, sondern fuhr die ideale. „Ich hab nur an meine Wellen gedacht“, sagt sie selbst, als hätte sie gerade einen Song auf Repeat gehört.

Weidle-winkelmann bleibt hängen, aicher bleibt dran
Kira Weidle-Winkelmann schnappt nach Luft. 14. Platz, 1,12 Sekunden Rückstand, ein Tor zu viel, ein Gedanke zu spät. „Ich schaffe es einfach nicht, die Fehlerkette zu kappen“, sagt sie und klingt wie jemand, der in dieselbe Falle läuft, in der Aicher längst den Ausgang markiert hat. Der Unterschied: Aicher tritt Bremszonen als Sprungbretter, nicht als Fallgruben.
Die Kristallkugel rückt in Reichweite. In der Abfahrt liegt Aicher 94 Punkte hinter Lindsey Vonn, die Saison ist für die Amerikanerin gelaufen. Drei Rennen noch, alles offen – oder besser: alles in Aichers Hand. Im Super-G führt Goggia, aber die Italienerin schielt jetzt zweimal im Rückspiegel, bevor sie Gas gibt.
Die Pyrenäen waren ein Testlabor, und das Ergebnis steht auf der Anzeigetafel: Wer Emma Aicher schlagen will, muss sich selbst übertreffen. Goggia hat es geschafft – mit einer Pirouette statt mit Selbstvertrauen. Die nächsten Rennen finden in der Heimat der Konkurrentin statt. Wenn Aicher dort gewinnt, ist der Generationswechsel kein Schlagwort mehr, sondern amtlich.
