Aicher rast nach super-g-patzer: „ich bin einfach nur angepisst auf mich“
Emma Aicher schlug mit der Hand auf die Schneewand, spuckte Schnee und fluchte. 0,12 Sekunden fehlten der 22-Jährigen am Samstag im ersten Val-di-Fassa-Abfahrtstraining auf Laura Pirovano – am Sonntag war nach 45 Sekunden Super-G Schluss, weil sie eine Rolle zu spät einlegte und ins Aus rutschte. 125 Punkte Rückstand auf Mikaela Shiffrin, 28 auf Pirovano im Abfahrts-Weltcup – und plötzlich ist die einstige Gejagte zur Jägerin geworden.
Nullnummer mit ansage
Die Zahlen sind hart: Seit Garmisch-Partenkirchen vor drei Wochen holte Aicher nur einmal Top-10 – Platz neun im Super-G von Crans-Montana. In Val di Fassa wiederholte sich das Muster: Freitag noch Zweite, Samstag Zwölfte, Sonntag Ausfall. „Das darf einfach nicht passieren, wenn man um Kugeln fährt“, sagte sie im ZDF-Interview, während ihre Atemwolken in die kalte Abendluft stiegen. DSV-Sportvorstand Wolfgang Maier versuchte zu dämpfen: „Emma zieht alle mit – das ist ihr größter Sieg.“ Doch die Athletin selbst ließ keinen Spin zu: „Ich bin einfach nur angepisst auf mich.“
Die Rechnung ist denkbar einfach: Noch zwei Abfahrten, ein Super-G, dazu zwei Riesenslaloms und zwei Slaloms für Shiffrin. Die US-Amerikanerin fuhr in Val di Fassa nur ihr zweites Super-G der Saison – und wurde 23. Dennoch baute sie den Vorsprong aus, weil Aicher null Zähler kassierte. „Jede Hundertstel zählt, und ich schenke sie mir selbst“, sagte Aicher. Die 0,01 Sekunden, die ihr am Freitag zur Siegzeit fehlten, schmerzen jetzt doppelt.

Are wird zur schicksalswoche
Die nächste Chance kommt sofort: In ihrer schwedischen zweiten Heimat stehen am Wochenende Riesenslalom und Slalom auf dem Programm. Aicher ist keine Spezialistin in beiden Disziplinen, doch gerade das könnte der Schlüssel sein. „Druck ist nur ein anderes Wort für Energie“, sagte sie und klang dabei wie jemand, der sich selbst überzeugen will. Wolfgang Maier schwärmt weiter: „Wenn Emma startet, schalten wir bei TikTok und Instagram Rekorde ein – das ist Marketingwert pur.“ Doch Marketing bringt keine Kristallkugel.
Fakt ist: Ohne Sieg in Kvitfjell und Hafjell wird die Jagd zur Schnitzeljagd. Die letzten sechs Rennen entscheiden, ob aus dem Märchen eine Saison für die Geschichtsbücher wird – oder eben nicht. Aicher selbst macht keinen Hehl daraus: „Ich werde mir heute Abend ein Bier genehmigen, morgen früh um fünf aufstehen und die Ski neu wachsen. Dann ist Schluss mit Angepisst-sein.“
