Adidas revolutioniert den marathon: von der werkstatt zum weltrekord
Herzogenaurach – Im Keller eines Adidas-Gebäudes, fernab vom fränkischen Charme, brodelte 2018 eine stille Revolution. Während in Oregon bei Nike die Euphorie nach dem ersten gescheiterten „Breaking 2“-Versuch nachwirkte, arbeiteten hier ein kleines Team von Wissenschaftlern fieberhaft an einer Antwort auf die Herausforderung: Wie überwindet man die Grenzen des menschlichen Laufens?
Die geburt einer innovation: vom textil-experten zum hochleistungs-guru
Daniel Ruiz, ein Spanier aus A Coruña, der eigentlich nur im Bereich Textilinnovation anfangen wollte, wurde zum unerwarteten Architekten dieser Entwicklung. Zwei Jahre zuvor war er zu Adidas gestoßen und fand sich plötzlich als Leiter der Hochleistungsinnovation wieder. Das Unternehmen hatte erkannt, dass es im Wettlauf mit Nike im Bereich der Spitzentechnologie aufholen musste. Nach der Einführung des Boost-Zwischensohlensystems, das zwar schon für Aufsehen sorgte, aber Nike nicht von der Poleposition verdrängen konnte, war ein neuer Ansatz gefordert.
Die Erinnerung an Galen Rupps Sieg beim Marathon von Chicago 2017, ein weißer Athlet, der einen „Major“ gewann, nagte an Adidas. Ruiz, der einen exzellenten Doktortitel in Humanphysiologie und Biomechanik vorweisen konnte, wusste: Es brauchte einen radikalen Wandel.
Innerhalb von nur sechs Monaten sollte ein neues Wettkampfschuh entstehen. Reisen nach Kenia und Äthiopien folgten, um die Athleten in ihrem natürlichen Umfeld zu testen. Einige stürzten sogar bei den ersten Versuchen, aber aus diesen Erfahrungen entstand die Adizero Adios Pro mit einer bahnbrechenden Lösung: den sogenannten „Rods“, Fiberglasstäben, die in die Zwischensohle integriert waren. Diese sollten das Gewicht reduzieren und den Abstoß verbessern.
Die Herausforderungen waren immens: Die Weltleichtathletik-Föderation (World Athletics) stellte strenge Regeln auf – maximale Sohlendicke von 40 mm und nur eine Kohlenstoffplatte erlaubt. Doch das Team von Ruiz fand einen Weg, die besten Schaumstoffe mit den innovativen Rods zu kombinieren, die die Muskelarbeit veränderten und die Effizienz steigerten.
Die ersten Prototypen waren monströs – 50 mm dick. Doch die Normen ließen keine Rücksicht. Die Rods brachen, die Prototypen wurden von Hand zusammengebaut. Und es gab das psychologische Element: „Die Dinger sahen anfangs aus wie Zapatillas von Tomorrowland“, erinnert sich Ruiz schmunzelnd.

Von houston zum weltrekord: eine erfolgsgeschichte
Der Startschuss für den Erfolg erfolgte beim Marathonzlauf von Houston. 2020 und 2021 folgten weitere neun Weltrekorde auf Asphalt, darunter Peres Jepchirchirs Sieg im Halbmarathon von Prag. Adidas hatte das Labor wieder zum Leben erweckt und war zurück an der Spitze.
Das Ziel war klar: Technologie für verschiedene Distanzen zu entwickeln. Neben dem Marathon wurden auch Schuhe für die Geschwindigkeit und die Sprintdistanzen verbessert. Eine Kultur des Fortschritts und der Athletenunterstützung entstand.
Die Adizero Adios Pro 2 kam mit einer noch elastischeren Zwischensohle, einer leicht verbreiterten Passform und einer Continental-Sohle für besseren Grip. Die dritte Generation, die Ende 2022 vorgestellt wurde, markierte den endgültigen technologischen und ästhetischen Durchbruch.
Der eigentliche Moment der Wahrheit kam im September 2023 in Berlin, als die äthiopische Läuferin Tigist Assefa mit einem Prototypen namens Adizero Adios Pro Evo 1 den Weltrekord im Marathon der Frauen pulverisierte. Nur 521 Paar dieser exklusiven Schuhe, die zu einem Preis von 500 Dollar angeboten wurden, kamen in den Handel – ein Beweis für ihre Elitenatur. Mit einem Gewicht von nur 138 Gramm war sie um 40 Prozent leichter als jede andere Superschuhe von Adidas.
Die Entwicklung des Evo 1 basierte auf dem Prinzip der radikalen Dekonstruktion: Die Schuhe wurden in ihre fundamentalen Elemente zerlegt und von Grund auf neu aufgebaut, basierend auf physikalischen Prinzipien. Die Tests waren rigoros: Bis zu 100 Varianten wurden erstellt und simuliert, bevor sich die Ingenieure auf 4-7 Kandidaten konzentrierten.
„Wir waren extrem penibel mit den Details, unterschieden sogar die Lauftechnik je nach Herkunft der Athleten. Das führte zu noch individuelleren Lösungen“, erklärt Ruiz, der Adidas im Dezember 2024 verließ.
Was als Werkzeug für die Elite begann, ist heute das schnellste Innovationslabor im Leichtathletik geworden. „Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Adidas auch Schuhe für die Läufer, die mit 14 km/h unterwegs sind, herstellen muss – das ist unsere Verantwortung“, betont Ruiz.
In nur sechs Jahren hat Adidas eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen – von einem hastigen Prototypen zu dem Schuh, der die Grenzen des menschlich Möglichen neu definiert hat. Sebastian Sawe brach im April 2026 im Londoner Marathon die Zwei-Stunden-Marke, und trug dabei die Adizero Adios Pro Evo 3, die mit ihren lediglich 96 Gramm ein wahres Meisterwerk der Ingenieurskunst darstellt. Die Geschichte von Adidas ist ein Beweis dafür, dass in der Welt des Sports und der Technologie wahre Wunder möglich sind, wenn Leidenschaft, Innovation und Teamgeist zusammenkommen.
