89:79 Gegen jena – rostock bricht fluch, doch das spiel bleibt in erinnerung für das, was danach geschah
89:79, fünf Minuten vor Schluss. Die Seawolves umarmen sich, doch keiner jubelt laut. Stattdessen huscht ein Seufzer durch die Stadthalle – halb Erleichterung, halb Scham. Denn bevor Rostock seinen ersten Sieg nach fünf Niederlagen feierte, wurde Basketball für 18 unendliche Minuten zur Nebensache.
Epileptischer anfall auf der tribüne – das spiel läuft weiter
36:25, zweites Viertel. Plötzlich bricht André Jürgens, Vorstand der Seawolves, das Mikro ab. „Bitte absolute Ruhe“, sagt er. Kein Trommeln, kein Klatschen, keine Gesänge. Auf Tribüne 3 zuckt eine Frau, ihr Körper verkrampft, Rettungsassistenten stürmen herbei. Die Halle verstummt, man hört nur das Quietschen der Sneaker und das rhythmische Ticken der Shot-Clock, die weiterläuft – die BBL verbietet laut Regelwerk eine Spielunterbrechung. Die Spieler bemerken kaum, was passiert, sie folgen den Anweisungen, weil sie müssen.
Die Frau kommt stabil ins Krankenhaus. Ihr Mann begleitet sie, zwei Kinder sitzen zurück. Was tun? Kassim Nicholson, gerade erst beim 17-Punkte-10-Rebound-Auftritt auf dem Parkett, wird spontan Kinderbetreuer. „Wir bringen euch zu den Mascots, okay?“, sagt er, zieht die Kapuze über und führt die Jungs in den Family Block. Neben dem Feld läuft weiter ein Profi-Spiel, neben der Tribüne ein Großfamilien-Drama.

Frasunkiewicz sieht wende – jena verpasst anschluss
Basketballerisch war es ein Arbeitssieg. Rostock startete mit einem 14:2-Run, Jena fand nie die Lücke. Joe Wieskamp traf zwar 32 Punkte – Saisonbestwert –, doch als seine Dreier in der 35. Minute auf 79:73 verkürzten, antwortete Nicholson mit einem Putback und Will Cummings mit einem Step-Back aus sieben Metern. „Wir haben endlich wieder Würfe getroffen, wenn sie weh taten“, sagt Trainer Przemyslaw Frasunkiewicz. Keine großen Worte, nur diese: „Heute haben wir gezeigt, dass wir nicht nur verlieren können.“
Die Tabelle bleibt trotzdem gnadenlos. Rostock springt auf 10. Platz, zwei Siege fehlen noch bis zur Play-In-Riege. Jena bleibt Vorletzter, muss am Mittwoch gegen Göttingen gewinnen, um den Anschluss nicht endgültig zu verlieren.

Kindern ein lächeln schenken – das echte resultat des abends
Als die Sirene ertönt, stehen die beiden Kids plötzlich an der Seitenlinie. Die Seawolves formieren sich, lassen sie die Hand durch die Siegerpose gleiten. „Oh, wie ist das schön“ schallt aus den Boxen – diesmal ohne Ironie. Die 4074 Zuschauer applaudieren nicht nur dem 89:79, sondern auch der Geste. André Jürgens wischt sich kurz übers Gesicht. „Wir haben heute zwei Dinge gerettet: den Saisonanschluss und ein bisschen Menschlichkeit“, sagt er leise.
Manchmal zählen eben doch Punkte – aber nicht die auf der Anzeigetafel.
