80 Jahre tippschein: wie ein journalist im lager den fußball-wahn auslöste
Es ist ein Jubiläum, das tief in der deutschen Fußballgeschichte verwurzelt ist: Vor 80 Jahren, am 5. Mai 1946, erblickte die erste Tippschein-Übertragungsveranstaltung das Licht der Welt. Eine Idee, geboren in den dunkelsten Zeiten, die nicht nur den Fußball revolutionierte, sondern auch Hoffnung und Ablenkung in einer vom Krieg zerrissenen Nation schenkte.
Von lagerhaft zu fußballfieber: die vision eines mannes
Die Geschichte beginnt mit Massimo della Pergola, einem Journalisten der „Gazzetta dello Sport“, der im Lager von Pont de la Morge, nahe Sion in der Schweiz, interniert war. Die antisemitischen Gesetze des Mussolini-Regimes hatten ihn zur Flucht gezwungen, doch nach dem Grenzübertritt wurde er erneut gefasst und zu Zwangsarbeiten verurteilt. In den wenigen freien Stunden, inmitten von Entbehrung und Unsicherheit, kam ihm die genial einfache Idee: ein Tippspiel auf Fußballergebnisse, das die Leidenschaft der Italiener für den Sport nutzen sollte, um Gelder zu generieren und gleichzeitig eine willkommene Ablenkung zu bieten.
Della Pergola erkannte, dass Fußball in den Jahren vor dem Krieg bereits eine immense Popularität genoss und dass ein Wettspiel auf die Ergebnisse der Spiele die Menschen begeistern würde. Er entwickelte ein System, das einfach zu verstehen war: “1” für einen Heimsieg, “X” für ein Unentschieden und “2” für einen Auswärtssieg. Ein Spiel, das nicht nur Spaß machen, sondern auch eine Möglichkeit bieten sollte, das eigene Glück zu versuchen.
Die erste Tippschein-Ausgabe enthielt zwölf Spiele, darunter Vize-Meisterschaftsspiele sowie Pokalspiele. Die Spiele kosteten 30 Lire pro Spiel, und es wurden schätzungsweise fünf Millionen Tippscheine gedruckt, von denen viele an Barbieren verteilt wurden, die sie zum Rasierklingenreinigen benutzten – ein Zeugnis der damaligen Not und Kreativität.

Der erste gewinner und ein preis, der leben veränderte
Emilio Biasotti, ein Mailänder mit römischen Wurzeln, wurde zum ersten Gewinner und kassierte stolze 426.826 Lire, was heute rund 14.060 Euro entspricht. Ein Betrag, der damals das Leben vieler Menschen verändern konnte.

Von der idee zum totocalcio: ein vermächtnis
Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft gründete Della Pergola gemeinsam mit Fabio Jegher und Geo Nolo die Sisal (Sport Italia società a responsabilità limitata), die später zum bekannten Totocalcio wurde. Der Coni (Comitato Olimpico Nazionale Italiano) vergab ihnen eine zweijährige Konzession für „Totalisatoren für Fußballspiele“, und so begann eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert.
Die Idee des Tippspiels fand rasch Anklang in der Bevölkerung und wurde zu einem festen Bestandteil des italienischen Sportgeschehens. Die Zahl der Spiele wurde im Januar 1951 auf 13 erhöht, und der Ausdruck „13 treffen“ wurde zu einem beliebten Glücksspruch.

Mehr als nur ein spiel: ein stück italienischer kultur
Die Tippschein-Kultur hat die italienische Gesellschaft tiefgreifend geprägt. Das Tippen wurde zu einem sozialen Ritual, das Familien und Freunde zusammenbrachte. Die Geschichten von großen Gewinnen und verpassten Chancen wurden zu Legenden, die über Generationen weitergegeben wurden. Die Idee wurde sogar in Filmen wie „Eccezzziunale… veramente“ und „Al Bar dello Sport“ verewigt.
Heute, 80 Jahre später, feiert Sisal dieses Jubiläum mit einer Ausstellung in der Biblioteca Nazionale Braidense in Mailand, die dem historischen Erbe von „Sport Italia“ gewidmet ist. Die Geschichte von Massimo della Pergola ist ein Beweis dafür, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Hoffnung und Kreativität entstehen können – und dass eine einfache Idee das Potenzial hat, eine ganze Nation zu begeistern.
Die Erfindung des Tippscheins ist weit mehr als nur ein Glücksspiel. Sie ist ein Spiegelbild der italienischen Fußballleidenschaft, der Kreativität und des unbändigen Wunsches nach Hoffnung, selbst inmitten von Widrigkeiten. Ein Vermächtnis, das weiterhin lebendig ist und die Fußballwelt prägt.
