40 Jahre danach: das wunder von der grotenburg lebt weiter
19. März 1986, 47 Minuten gespielt, 40 000 Zuschauer in Krefeld atmen kaum noch. 1:3 steht es, 0:2 aus dem Hinspiel, das Aus im Europapokal der Pokalsieger besiegelt. Dann platzt der Knoten. Bayer Uerdingen erzählt in 23 Minuten eine Geschichte, die bis heute Deutschlands Fußballherz höher schlagen lässt. 7:3 lautet der Endstand, ein Resultat, das keine Logik kennt, nur Gefühl.
Werner Vollack, damals Torwart der Krefelder, sitzt heute in derselben Stadt, in der seine alte Kampfbahn einst bebte. „Erst gingen die Leute, dann kamen sie zurück“, sagt er. „Die, die blieben, haben gesehen, wie Fußball zur Religion wird.“ In der Kabine herrschte zwischenzeitlich Totenstille. Handtücher vor den Gesichtern, keine Wutrede, keine Analyse. Nur Matthias Herget brach das Schweigen: „Lasst euch nicht noch mehr vorführen.“
Ein kapitän, drei tore und die magie des funkel-bruders
Wolfgang Funkel trat an den Ball, 58. Minute, Elfmeter. Sein Bruder Friedhelm war gefoult worden, er verwandelt selbst. 2:3. Vier Minuten später flog ein Freistoß von Herget ins Getümmel, Ralf Minge köpft ins eigene Netz. 3:3. Die Grotenburg explodiert. Schäfer trifft per Rechtsschuss, Kinger per Sololauf, wieder Funkel per Elfmeter – 6:3. Schäfer legt in der 87. Minute nach. 7:3. Der Ball rollt, die Menge schreit, selbst Schiedsrichter Dieter Pauly schaut kurz wie ein Fan.
Vollack lacht heute, wenn er die Bilder sieht. „Wir waren keine Galaktischen, nur Arbeiter. Aber an dem Abend haben wir gespürt, dass Fußball keine Physik, sondern Psyche ist.“ Die DDR-Auswahl um Ulf Kirsten, Matthias Sammer und Jörg Stübner stand plötzlich wie versteinert. Dynamo-Coach Klaus Sammer, Vater von Matthias, konnte nur noch zusehen, wie sein Plan in sich zusammenfiel.

Vom mythos zur nostalgie-party
Atlético Madrid stoppte Uerdingen im Halbfinale, den Pokal holte Dynamo Kiew. Doch das spielt keine Rolle mehr. Das Spiel wurde zum Maßstab für jedes Comeback, das „Wunder von der Grotenburg“ landete auf T-Shirts, in Liedern und im Magazin 11 Freunde als „größtes Fußballspiel der Geschichte“. Heute trägt der Verein den Namen KFC Uerdingen und spielt in der Oberliga Niederrhein. Die alte Grotenburg ist abgerissen, an ihre Stelle trat ein Wohnpark. Aber die Erinnerung bleibt.
Bei der Jubiläumsfeier in Krefeld treffen sich die Überlebenden. Vollack, die Funkel-Brüder, Matthias Herget, sogar Trainer Kalli Feldkamp meldet sich per Video aus seinem 91. Lebensjahr. Auf der Leinwand läuft das 90-Minuten-Märchen, 40 Jahre alt und trotzdem in HD-Echtzeit. Die Zuschauer sind grau, die Stimmen rauer, der Stolz aber ungebrochen. „Wir haben bewiesen, dass eine Partie erst mit dem Schlusspfiff entschieden ist“, sagt Friedhelm Funkel. Kein Pathos, nur Feststellung. Und weil er es weiß, fügt er hinzu: „So etwas bekommt man nur einmal im Leben geschenkt.“
